Sonntag, 27. August 2017

Reisebericht Nepal 2017 mit Clowns ohne Grenzen


Eine Reise mit Clowns ohne Grenzen! Wow! Hatte ich davon nicht schon lange geträumt? Hatte ich nicht schon immer davon gesprochen, die Website durchforstet nach Hinweisen wie man mitmachen kann, Reiseblog-Berichte gelesen usw.? Die erste Kontaktaufnahme zum Verein hatte ich 2013 (oder war es 2014?) unternommen. Doch Terminchaos und andere Unwägbarkeiten ließen die Idee wieder in die Schublade fallen. Dann in 2016 – ein Anruf aus dem Allgäu – Brigitte, eine Clownsfreundin! „Du, wir planen eine Reise mit den Clowns ohne Grenzen nach Nepal, es fehlt noch ein Mann. Hättest Du vielleicht Zeit und Lust mitzufahren?“ – Wie bitte?? Habe ich richtig gehört?? Und ob ich Lust hatte!!



10. März 2017. Endlich war es soweit. Heute sollte meine erste Clown-ohne-Grenzen-Reise nach Nepal starten. Der große Tag war gekommen. Flughafen München. Hallo Gefühle? Wie geht es Euch? Vorfreude, Aufregung, Angst, Unsicherheit, Abschiedsschmerz…? Gefühlschaos! Immerhin kannte ich nur Brigitte etwas näher. Die anderen – Toni, Susie und Sonja, unsere Fotografin, kannte ich eigentlich gar nicht. Gut, wir haben uns an zwei Wochenenden im Vorfeld getroffen und ein Stück erarbeitet. Und vom ein oder anderen hatte ich auch schon gelesen oder gehört. Aber eigentlich ging ich gerade mit Fremden auf eine Reise. In ein fremdes Land. Konnte das gutgehen? :-)



Was wusste ich bis dato eigentlich über Nepal? Gut, ich verortete das Land korrekterweise nach Asien. Und Himalaya wusste ich auch, also, dass es dort hohe Berge gibt, um nicht zu sagen die höchsten Berge der Welt. Mount Everest, Tenzing Norgay und Sir Edmund Hillary, Reinhold Messner waren noch andere Stichworte, die mir in den Sinn kamen, wenn ich an Nepal dachte. Aber dass es dort auch tropische Temperaturen geben kann, wusste ich beispielsweise nicht. Also – Nepal gliedert sich in drei geographische Zonen: das Terai an der Grenze zu Indien mit seinen tropischen Temperaturen, das mittlere Hügelland mit seinen subtropischen Temperaturen und das hohe Himalaya an der Grenze zu China (Tibet). Wir allerdings bewegten uns fast nur innerhalb Kathmandus, der Hauptstadt Nepals.



Meine Vorstellungen über diese Reise waren wage. Gut, wir hatten vor in verschiedenen Einrichtungen zu spielen, das war klar. Aber wo kamen wir unter, wie würden wir uns fortbewegen, wie würde sich das Zusammenleben in dieser kurzen Zeit gestalten? Das waren die Fragen, die mich zunächst beschäftigten. Mir war wichtig, eine Struktur zu erkennen. Und die stellte sich dann auch langsam ein. Wir kamen in einem netten Hotel mitten in Kathmandu unter, zwei Zimmer aufgeteilt nach Jungs und Mädels. Aha. Das war jetzt unser Zuhause für die nächsten zwei Wochen. Das Gute war ja auch, wir hatten mit Susie und Anton zwei erfahrene Clowns-ohne-Grenzen-Reisende dabei. Gut, Sonia und Brigitte waren auch schon mehrmals in Nepal gewesen. Aber für mich war es das erste Mal. Das hatte schon etwas Beruhigendes. :-) Brigitte hatte die Kontakte und den Plan. Also, sie war es, die unsere Reiseroute und Spielorte organisiert hat. Das war gut. Ich musste mich quasi um nichts kümmern. Außer um’s Spielen. Gut, so eine Auftrittsplanung ist quasi eine Art Skizze, eine Vorschau. Also nix Endgültiges. Das war gewöhnungsbedürftig. Für mich zumindest. Ich mag Ordnung. Gut, Flexibilität wird heute groß geschrieben. Klar, es wurden Auftritte verschoben, vorgezogen, umgelegt, abgesagt, fixiert, wieder umgelegt, neue Auftritte hinzugefügt. So wurde oft telefoniert, gemailt, diskutiert und besprochen, für und wider abgewogen. Und, was soll ich sagen? Es hat geklappt! Ja, erstaunlich gut! Wir sind an jedem Auftrittsort erschienen. Gut, letztendlich musste beinahe täglich jeder Auftritt noch einmal bestätigt werden. Also, es waren quasi zwei Auftritte pro Tag geplant. Das reicht eigentlich auch. Man muss ja auch bedenken, dass es Transferzeiten gibt, die lang werden können. Für die Nicht-Nepalisten unter Euch: Der Verkehr in Nepal, insbesondere in Kathmandu, funktioniert etwas anders als in Deutschland. Geringfügig. Linksverkehr! Ok, gibt es in anderen Ländern auch. Feldwegartige Straßen mitten in der Hauptstadt? Ja! Man glaubt es nicht. Aber wenn man einmal die Ringroad, größte Hauptstraße, die, wenn auch mit Flicken, asphaltiert ist, verlassen hat, sieht man sich unversehens auf Wegen oder Pfaden wieder, die nichts mit einer Straße gemeinsam haben. Außer den Massen an Menschen, Rollern, Autos und sonstigen Vehikeln wie z. B. Rikschas, Tuk-Tuks etc. Ab und zu mal eine Kuh. (Übrigens: Kühe sind in Nepal heilig. Also bloß in Ruhe lassen, sonst kommt man in Teufels Küche) Also die Masse an Verkehr hat uns noch einmal gezeigt, wie Stau richtig geht. Außer Samstag. Denn Samstag ist Sonntag in Nepal. Da waren die Straßen frei. Einmal hatten wir drei Auftritte an einem Tag. Da wurde es schon etwas knapp mit der Zeit. Ging aber auch. Wir haben uns einfach nicht mehr abgeschminkt und sind als Clowns durch die Stadt gefahren. Also wir  sind nicht selbst gefahren, sondern hatten einen Fahrer. Wäre aber auch mal spannend gewesen. Wo das wohl hingeführt hätte?? Dann hätten wir quasi einen Walk-Act gehabt. Oder Drive-Act?




Und an einem anderen Tag hatten wir nur einen Auftritt. Da waren wir im Interplast-Hospital etwas außerhalb der Stadt. Einem Vorzeigeprojekt, das 1997 mit Spendengeldern und ganz viel Engagement aufgebaut worden ist, trotz der enormen bürokratischen Steine, die den Helfern seitens der Regierung in den Weg gelegt wurden. Immer wieder sind wir in Kathmandu auf Einrichtungen gestoßen, die ihre Existenz quasi der unermüdlichen Kraft und Zähigkeit der Menschen zu verdanken haben, die sich nicht durch die Mühlen der Bürokratie haben mürbe machen lassen. Das Beispiel von Trudi aus Voerde sei hier erwähnt, die berichtete, dass eine Hilfslieferung von Deutschland nach Nepal zwei Jahre gedauert hat, aufgrund des überbordenden Schriftverkehrs mit den Behörden (nepalischer Seite) im Vorfeld.
Der Tagesablauf gestaltete sich in der Regel wie folgt. Morgens gemeinsames Frühstück in der Nähe. Wir probierten verschiedene Cafés aus. Eines hieß sogar Pumpernickel. Sehr witzig. Ein anderes Revolution Café. Dann warten vor dem Hotel auf unseren Fahrer. Dann Fahrt zum ersten Auftrittsort. Nach dem Auftritt Fahrt zum zweiten Auftrittsort. Ankunft im Hotel. Wäschewaschen, Blogschreiben, E-Mails checken und gemeinsames Abendessen + Nachbesprechung. Da war sie ja, meine Struktur. Juhu. :-) So konnte es weitergehen.



Unsere Fahrer müssen an dieser Stelle mal ausdrücklich gelobt werden. Sie haben uns immer sehr zuverlässig und sicher zu allen Spielorten gebracht. Auch wenn die Straße noch so steil und mit Schlaglöchern versehen war. Oder selbst nur so breit wie das Fahrzeug selbst. Und obendrein haben sie geduldig auf uns gewartet, wenn es mal länger gedauert hat. Gut, das kam öfter vor. Man muss sich das folgendermaßen  vorstellen. Wir kamen am Spielort an. Zunächst, also fast immer, kam es zum ersten Smalltalk mit dem Prinzipal (dem jeweiligen Direktor der Einrichtung). Dann spielten wir unsere Vorstellung. Dann Begrüßen und Spielen mit den Kindern und, ganz wichtig! Fotoshooting mit Kindern und Lehrkräften. Dann zweiter Smalltalk und Teetrinken mit dem Prinzipal, dann Abfahrt zum nächsten Spielort. Same procedere. So ist für zwei Auftritte ein Tag draufgegangen. Das wichtigste für die Kinder war oft die Frage, wie man heißt und wo man herkommt. Wie schön! Und so viele Kinder wollten einen mit Handschlag begrüßen! Das war unglaublich wichtig! Und nochmal, und nochmal! Und immer wieder! Eine sehr schöne Begebenheit aus der Samten Memorial Educational Academy, unserem letzten Auftrittsort, sei hier erwähnt. Die Kinder fragten wieder wo wir herkommen würden. Ich erzählte es ihnen. Ein Mädchen erzählte daraufhin, dass vor einiger Zeit ein deutscher Volunteer hier gearbeitet und ihnen ein Lied beigebracht hätte. Dann sangen die Kinder vor: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst Du noch?“ Was für ein schönes Erlebnis!


Ein anderes sehr beeindruckendes Erlebnis war unser Auftritt in einem Heim für taubstumme, blinde, geistig- und körperbehinderte Kinder. Nicht der Auftritt selbst, sondern die Begegnungen hinterher waren so unglaublich ergreifend. Niemals hätte ich mit dieser Begeisterung gerechnet, die uns hier entgegengebracht wurde. Kinder, die aufgrund von Missbildungen nicht in der Lage sind zu laufen, sind mit Hilfe ihrer Hände und ihres Körpers über den Platz gefegt und haben unsere Nähe gesucht, haben sich mit unseren Requisiten beschäftigt, wollten Zaubertricks nachspielen, wollten selbst ausprobieren. Unglaublich ergreifend und schön! Wie sehen blinde Kinder? Sie „sehen“ mit ihren Ohren, mit ihren Fingern. Und wenn auf einmal fünf Fremde zu Besuch sind, was gibt es interessanteres als ihre Taschen zu erkunden? Und so wurde alles abgetastet und befühlt und genauestens untersucht. Ganz wunderbare Begegnungen haben sich in diesem Heim ergeben.
Eine Sache, die ich auch noch erwähnen möchte, ist die Tatsache, dass wir auch mit Thema Tod konfrontiert wurden. Unser Guide, der unsere Auftrittsorte, Fahrer, Fahrzeuge, Hotel, also eigentlich unseren kompletten Aufenthalt organisiert hat, hat kurz nach unserer Ankunft seinen Vater verloren. Das bedeutete für uns, dass er nicht mehr zu unserer Verfügung stand, sondern sich der hinduistischen Trauerzeremonie hingeben musste, d. h. er musste 13 Tage in Trauer gehen. Denn solange dauert die Trauerzeit bei den Hindus. Der Trauernde rasiert sich seinen Kopf als Zeichen der Trauer, trägt weiße Gewänder und verlässt sein Haus nicht. Gleichwohl hatte er im Hintergrund alles perfekt organisiert und dafür gesorgt, dass wir immer einen Fahrer hatten und, wenn nötig, einen Dolmetscher.
Am Tag vor unserer Abfahrt hatten wir Gelegenheit unseren Guide noch einmal kurz zu sprechen und uns zu verabschieden.

Eine unglaublich schöne, aufregende und intensive und viel zu kurze Zeit liegt jetzt hinter uns. Schade, dass sie schon vorbei ist, meine erste Clowns-ohne-Grenzen-Reise.

Arne, Bonn-Bad Godesberg, 19.04.2017

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